Ein bleibender Eindruck.


Ich bin ein zerbrechliches Geschöpf, liege auf einem feuchten, sandigem Pfad, mitten in einem finsteren Wald. Meine Augen leuchten auf. Ich habe gerade LIMBO betreten. Obwohl ich nicht wirklich weiß, wie ich an dieses schauerlichen Ort, geschaffen von der 2006 gegründeten Spieleschmiede Playdead, gekommen bin, weiß ich doch, dass ich ihn durchqueren muss.

Playdead lässt mich sehr allein. Ich bin plötzlich in einer mir gänzlich unbekannten Welt gefangen. Ich weiß weder warum ich hier bin, noch wie ich hierher kam. Diese Welt ist wunderschön und furchterregend zugleich. Eine Kombination, die auf meinem ganzen Körper Gänsehaut wachsen lässt. Ich möchte sie erforschen.

LIMBO ist ein Jump’n’Run-Rätselabenteuer, dessen Geschichte sich sehr schnell zusammen fassen lässt: Ein Junge hat seine Schwester verloren und betritt, im Versuch sie zu retten, den Limbus.

Visuell macht eben jene Vorhölle einen wunderbar schönen Eindruck. Obwohl das Spiel komplett in schwarz-weiß gehalten ist und ’nur‘ eine 2D Welt bietet, glaubt man während dem Spielen doch fest daran, das schönste und bestaussehenste Spiel seit Jahren auf seinem Bildschirm zu flimmern zu haben. Gerade die Einfachheit des grafischen Stils nimmt mich als Spieler komplett ein und strahlt eine bedrückende Atmosphäre aus. Diese wird durch eine absolut stimmige Tonuntermalung verstärkt. Wenngleich es Limbo bewusst an  Hintergrundmusik mangelt, haben die Entwickler es geschafft jedes Geräusch der Welt hervorzuheben und in Mark und Knochen fahren zu lassen.

Die Einfachheit des visuellen Stils, spiegelt sich ebenso in der Steuerung und im Gameplay wider. Den namenlosen Jungen bewege ich gewohnt mit dem linken Analog-Stick und habe zusätzlich nur eine Sprung-, sowie eine Aktionstaste. Jeder der schon einmal ein Spiel gespielt hat, kann von der ersten Sekunde an mit dieser Steuerung umgehen, die daher auch kein Tutorial benötigt. Meine Aufgabe besteht hauptsächlich darin, Rätsel zu lösen, die mich daran hindern weiter in den Limbus vorzudringen. Diese Rätsel sind die einzigen Aufgaben im Spiel, überzeugen aber mit einer genialen Einfachheit, ohne dabei zu leicht oder zu schwer zu sein. Die gestellten Aufgaben sind angenehm fordernd und ich habe nie das Gefühl, nicht mehr weiterzukommen oder einfach nur durchrennen zu können.

LIMBO ist ein wundervolles Spiel, dessen Welt mich von Anfang bis Ende in seinen Bann gezogen hat. Es ist einfach aber genial. Und fordert mich genau im richtigen Maß. Ich kann LIMBO nur empfehlen und hoffe, dass sich viele Entwickler von Playdead wachrütteln lassen.

Advertisements

In dieser Zukunft möchte ich nicht… spielen!


Es ist ein heißer Sommertag im Jahr der Jahrtausendwende.

Ein kleiner Junge steht im Spielwarenladen und zeigt mit dem Finger auf eine Spielesammlung. Auf keine gewöhnliche Spielesammlung, nein, auf eine Videospielspielesammlung. Der kleine Junge hat einen entscheidenen Vorteil: Er ist nicht mit seiner Mama im Spielwarenladen. Seine Oma muss heute auf ihn aufpassen – zugegeben, keine leichte Aufgabe.

Sein Oma möchte nur das beste für ihren geliebten Enkel und so kommt es, dass der kleine Junge seine erste Videospielsammlung in den Händen hält: Play the Games Vol. 2.

Es kommt wie es kommen muss und er verliert sich in der Welt der atemberaubenden Schönheit Laras, bekämpft zum ersten Mal die Sowjetische Armee, fliegt von Berlin nach New York und baut sich sein eigenes Fluglinienimperium auf. Er fährt Rennen im Matsch des Dschungels, hilft den Schlümpfen bei Ihren Abenteuern und rettet die Bevölkerung von Los Angeles.

Damals hatte er es auch einfach. Es war, seinem Alter entsprechend, kinderleicht.

Es ist ein rauer Dezembertag, knappe 8 Jahre später. Inzwischen ist der kleine Junge kein kleiner Junge mehr.

Viele Dinge haben sich verändert, doch bleibt eine Sache gleich: Heute hat der junge Mann sich ein Videospiel gekauft. Wie vor 8 Jahren steht er vor dem Spielwarenladen, strahlt über das ganze Gesicht und kann es kaum erwarten sich an seinen PC zu setzen. In der Tüte, die an seinem linken Arm baumelt, schwingt GTA 4 im Takt seines Schrittes.

Als er nach Hause kommt hat er nur noch eines im Sinn: Spielen! Das heißt, vorher muss er natürlich installieren. Aber das stellt ja kein Problem da, hat er doch schon vor 8 Jahren gelernt, dass er nur die CD in das Laufwerk schieben, auf „Installieren“ klicken muss und nach wenigen Minuten in die virtuelle Welt eintauchen darf.

Doch irgendetwas ist anders geworden. Die Installation erfordert ungewöhnliche Maßnahmen. Der junge Mann ist enttäuscht. Das Strahlen auf seinem Gesicht ist verflogen. Er folgt dennoch emsig den Anweisungen auf dem Bildschirm, aktiviert, tippt ein, installiert, registriert sich hier, registriert sich da.

Er hat den Spaß an einem großartigen Spiel verloren, bevor er es spielen durfte, verkauft es nach wenigen Wochen wieder und löscht alle übriggebliebenen Daten der unliebsamen Eindringlinge. Der kleine Junge, der den PC zu lieben und respektieren begonnen hatte, ist endgültig tot. Er hat jeglichen Respekt vor dieser einzigartigen Maschine verloren und kauft sich eine Spielekonsole.

Es ist ein frischer Frühlingstag eineinhalb Jahre nach der Katastrophe, die seine Spielewahrnehmung für immer trüben sollte.

Auffälligerweise strahlt der junge Mann wieder. Er hat sich ein Spiel gekauft, ein Spiel seines Lieblingsstudios. Er will sich auf den Kriegsfeldern der Atacama Wüste austoben, den Dschungel unsicher machen und in einem Team die anderen niederringen.

Auf seiner Konsole ist es wieder wie früher. Er hat das Spiel eingelegt, auf „Installieren“ gedrückt, wenige Minuten gewartet und konnte beginnen – kinderleicht. Zumindest fast.

Das Spiel verlangt einen speziellen Code. Den hat er nicht, denn er besitzt nur eine Gebrauchtversion.

Es ist ein lauer Sommertag, zehn Jahre später.

Der erwachsene Mann denkt an die guten alten Zeiten zurück, als er sich vor dem Beginn des Spiels nur bei 2 Online-Diensten anmelden musste, als er nur eine Onlineaktivierung vornehmen musste, um sein heißerwartes  GTA 4 spielen zu dürfen. Seine Kindheit ist nur noch ein seichter Schatten in seinem Gedächtnis. Lara ist verloren.

Seine alte Konsole liegt mittlerweile in den Schrottlandschaften Westafrikas. Er hat jetzt einen papierdünnen Fernseher und ein Spieleabo bei einem GamesOnDemand Online-Dienst des weltweit einzigen Publishers Ubielectivison.

Heute hat er sich wieder ein Spiel gekauft, aber in seinem Gesicht ist kein Strahlen zu erkennen. Er sitzt wie gewöhnlich vor seinem Fernseher und wählt mit seinem Controller das Spiel, mit Empfehlung des Vorstandsvorsitzenden Robert Kotick. Nach wenigen Minuten ist das neue Call of Duty 18 auf der Festplatte seines Fernsehers gespeichert. Neben den monatlichen Kosten für sein Ubielectivision-Abo hat er sich das vollständige Spiel gegönnt. Als er sich zum Hauptmenü durchzwängt und nebenbei etliche Geschäftsbedingungen bestätigen muss, wird er zum Kauf des DLC-Paketes aufgefordert, ohne das er nur ein Viertel der Kampagne spielen kann. Auch wird ihm der Multiplayermodus empfohlen zu kaufen.

Der Mann lächelt und feuert den Controller aus dem Fenster. Er stellt sich auf die Straße, während ein sanfter Sommerregen sein Gesicht beträufelt.

Niemand kann sehen, dass er weint.

Musikempfehlung zum Text:
bitcrush – an island, a penninsula